Highline & Leadership: Die eigenen Grenzen (1)

Sam Volery hat es geschafft: auf dem Moléson hat er mit 477 Meter das Weltrekord in Highline erhoben. Hängend in der Luft, in einem fragilen Gleichgewicht, welches intensive und andauernde Konzentration erfordert, unter Beobachtung, mit der Möglichkeit eines (armloses) Sturz, wie gelingt es Sam, seine mentale und körperliche Ressourcen stets zu mobilisieren, um eine solche Hochleistung zu erbringen?

Philippe Vallat (PV): Samuel Volery, wer sind Sie als Mensch, Sportler und Jungunternehmer?

Sam Volery (SV): Ich bin 31 und habe an der ETHZ Bewegungswissenschaft studiert, ein sehr vielseitiges Studium, nicht immer sehr konkret, aber für was ich mache perfekt. Ich habe meine Masterarbeit dem Slacklinen gewidmet und dabei einen Vergleich zwischen Slackline und anderen Gleichgewichtstechniken gemacht.

Während des Studiums habe ich für mich gemerkt, dass ich nicht irgendeine Stelle haben möchte, aber lieber für mich arbeiten möchte. Ich wollte mich nicht in die «normale» Arbeitswelt einreihen, mich nicht dem 8-17-Uhr-Rhythmus unterordnen. Ich wollte ein Leben führen, wo ich arbeite, wenn ich entweder motiviert bin oder wann es gerade notwendig ist.

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Während meines Studiums war ich schon als Slackliner tätig. Ein Studienkollege und ich waren mit dem Slackline-Material, welches auf dem Markt verfügbar war, unzufrieden. Deshalb ist die Idee entstanden, uns gemeinsam um das Thema zu kümmern. Wir wussten damals nicht, wie gross das Geschäft sein wird. Wir sind einfach «reingerutscht», es war nicht einmal wirklich geplant, es war mehr eine Idee nach der anderen. Wir sind immer motiviert geblieben, es hat Spass gemacht. Grund für die Motivation war einerseits eine super Zusammenarbeit, das Teamwork hat sehr gut funktioniert. Und andererseits die völlig freie Zeiteinteilung. Wir wussten immer, dass beide dafür verantwortlich sind, dass es funktioniert. Wir haben auch nie kontrolliert, wieviel wir gearbeitet haben. Ich habe keine Ahnung, wie viele Stunden es waren. Es war aber auch nicht wichtig. Es war selbstverständlich, dass wir Vollgas gaben, wenn wir Zeit hatten und gerade motiviert waren.

PV: Können Sie uns erklären, was Slackline bzw. Highline ist?

(Sam macht eine Pause, schaut durch das Fenster auf eine Kollegin, die gerade auf der Slackline ist und sagt: «Sie muss ich kurz beobachten. Wir haben gerade gestern vom Stil auf der Line geredet. Sie ist seit ca. 3 Monate in der Szene und mittlerweile eine der besten Frauen. Ich bin von ihr stark beeindruckt.»)

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SV: Slackline ist ein sehr vielseitiger Sport, welcher viele Anwendungsmöglichkeiten bietet. Slackline ist für mich mein Hauptsport, wo ich versuche, stets die Limiten zu puschen. Viele Leute üben Slackline als Physiotherapie (so habe ich übrigens mit Slackline angefangen), bei Knie- oder Rückenproblemen. Sportler üben Slackline als Gleichgewichtstraining, nicht weil es besser ist, aber weil es Spass macht und verstellbar ist.

Was ich persönlich besonders toll finde beim Slacklinen, nachdem ich mich zuerst mit Jumpline auseinandergesetzt habe, ist die Möglichkeit, in den «Flow» zu kommen, d. h. in einen Zustand, wo die Linie genau das macht, was ich will. Es ist ein so angenehmes Gefühl! Am Anfang versucht man, die Reflex-Reaktionen des Körpers zu kontrollieren, weil sie nicht zu den Reaktionen der Line passen. Das passiert immer am Anfang und ist recht unangenehm. Wenn man sich aber entspannt, was kontra-intuitiv ist – man möchte eher beherrschen und es ist extrem schwierig, genau das Gegenteil zu machen von dem, was man gerne möchte – man die Arme hängen lässt, sich innerlich ebenfalls entspannt, und trotzdem gleichzeitig konzentriert bleibt, dann kommt man in den Flow. Dann stimmt die Präzision, es stimmt einfach! Plötzlich merkt man, «es stimmt»! Man nimmt es auch kaum wahr, weil es dann plötzlich nicht mehr wichtig ist, es stimmt einfach, was soll ich mir da noch gross überlegen. Es war nichts Besonderes los, ich war Zuhause. Dort habe ich eine Line, für die man ungefähr eine Stunde braucht, sogar mehr. Ich habe mal angefangen, am Anfang war es nicht schön, ich war angespannt, die Schultern haben angefangen zu brennen. Und irgendwann habe ich mich immer mehr entspannt, es ist mir langsam egal geworden, egal wieviel Zeit ich auf der Line bleibe. Ich habe mir noch überlegt, was ich nachher noch zu tun habe. Und dann konnte ich die Gedanken loslassen, mich nach innen konzentrieren, beobachten wie die Slackline sich bewegt, meine eigene Bewegungen herunterfahren. Was nachher passiert ist, weiss ich nicht so genau. Ich bin die Line nicht ganz gelaufen, aber über 300 Meter, was mit Abstand der längste Lauf auf dieser Line ist. Meine Kollegen haben die Zeit gestoppt und mir gesagt, dass ich 52 Minuten unterwegs war. «Ok, schön» habe ich mit einem riesen Smile gedacht!

PV: Was Sie beschreiben ist einem meditativen Zustand sehr ähnlich.

SV: Ja, grosse Distanzen können sehr meditativ werden, solang man die Line einigermassen kontrollieren kann. Man muss ein bisschen aus der Komfortzone kommen, aber nicht zu sehr. Sonst ist es nicht befriedigend. Wenn man in der Komfortzone bleibt, kann man das Meditative zwar auch erleben, aber nicht so befriedigend.

PV: Was macht einen «guten» Highliner aus? Was sind die Herausforderungen?

SV: Anstelle zwischen «guten» und «schlechten» Slacklinern würde ich lieber zwischen «motiviert – nicht motiviert» oder «einer der Spass oder einer der keinen Spass hat» unterscheiden. Gut sein ist davon abhängig. Wenn man Spass hat und sich die Zeit nimmt, um sich darauf einzulassen, dann macht man schnell Fortschritte. Wenn man dranbleibt, wenn man versucht wahrzunehmen, was im Körper überhaupt passiert. Oder zu erfahren, wie der Zustand im Kopf hilft, um auf der Line zu bleiben. Andere Slackliner beobachten, sich fragen, was sie anders machen, wieso sie länger drauf bleiben, darüber diskutieren um herauszufinden, was die Besseren anders machen.

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Im Highline muss man zusätzlich mit der Höhe umgehen können. Ich zum Beispiel unterscheide zwischen logischer und unlogischer Angst. Wenn ich am Hang laufe und es ist wie heute nass und rutschig, ich bin nicht gesichert, dann komme ich an meine Grenze, auch wenn es nicht unbedingt sehr exponiert ist, dann habe ich Angst und bin sehr, sehr vorsichtig. Das nenne ich logische Angst, es gibt eine effektive Gefahr.

Auf der Highline sind die ersten paar Meter noch zu wenig hoch. Hier darf man nicht stürzen, auch wenn es viel weniger exponiert ist. Von der Vernunft her ist es viel weniger gefährlich. Vom Empfinden her fühlt sich die Mitte viel extremer an. Ich kann es relativ gut trennen: sobald ich weiss, dass ich hoch genug bin, dann kann ich mir sagen: «Hey, es ist safe». Ich muss keine Angst haben. Wenn ich trotzdem Angst habe, dann schaue ich die Knoten an. Wenn ich alles kontrolliert habe, dann stürze ich extra 2–3 Mal, um mir das Feedback zu geben «hey, die Sicherung ist gut». So gewinne ich Vertrauen in das Material. D. h. aus der Komfortzone herauskommen, um die Komfortzone zu erweitern.

PV: Spannend als Prinzip, auch für Unternehmungen, wenn es um Innovation bzw. «Fehlerkultur» geht: extra stürzen, extra aus der Komfortzone herauskommen, um die Komfortzone zu erweitern, um Vertrauen zu gewinnen.

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