• Philippe Vallat

Stürzen und Lernkultur (Highline 2/3)

Mis à jour : juil. 20

Slackline ist nicht nur ein Sport, es ist auch eine Show. Die Zuschauer haben wahrscheinlich gemischte Gefühle: zwischen Bewunderung und Angst. Wenn man Entscheidungsträger in einer exponierten Funktion (Politik, CEO usw.) ist, dann steht man auch unter Beobachtung.

Es gibt eine Studie die zeigt, dass Innovation gelähmt wird, wenn Innovation unter Beobachtung steht. (Jonathan Fields, "Uncertainty"). Eine Kunst-Jury wurde beauftragt, Kunstwerke von verschiedenen Künstlern zu beurteilen. Die Hälfte der Kunststücke waren reine Kreationen der Künstler, die andere Hälfte waren von Kunden bestellte (und bezahlte) Kunstwerke. Die Jury konnte klar unterscheiden, welche Werke reine Kreation und welche bestellt waren. Jetzt ist auch Highlinen eine Show. Beobachtet zu werden hat, auch unbewusst, Einfluss auf die Kreativität des Künstlers. Man weiss auch, dass das Beobachtetwerden die Risikobereitschaft bei einer Entscheidung reduziert.


PV: Wenn ich selber Highlinern zuschaue, und ich insbesondere Stürze beobachte, dann spüre ich bei mir Spannungen bzw. auch Angst. Frage: nehmen Sie das Publikum und seine Emotionen wahr? Wie wirkt es auf Sie, beobachtet zu werden?


SV: Beides: es kann pushen, es kann hemmen. Sobald ich mich wohl fühle kann es sehr pushen. Wenn viele Leute zuschauen und ich habe die Line voll im Griff, dann pusht es mich. Es kann mich auch pushen wenn ich weiss, ich versuche jetzt etwas völlig Unrealistisches, etwas wovon alle, die da sind, beeindruckt sein werden. Dann ist es völlig egal, wie gut ich performe, es ist sowieso etwas, was nie dagewesen ist. Dann finde ich es auch schön, wenn Zuschauer da sind, weil gar nichts falsch gehen kann, alles was passiert ist richtig. Wenn ich andererseits beim normalen Laufen auf einer Highline bei einer Show bereits nach einem Schritt stürze, dann kommt Nervosität auf und es ist extrem schwierig, auf hohem Niveau weiterzuperformen. In einem solchen Moment muss ich mir einfach einreden, dass sowieso kein einziger der Zuschauer fähig wäre, überhaupt aufzustehen, und dass es für die meisten bereits eine grosse Leistung darstellt, ein paar Schritte auf diesem wackligen Band zu gehen.

Wenn ich aber für eine Show bezahlt werde und ich mich nicht top wohl fühle, dann kann es recht hemmen. Wenn ich stürze, dann ist die Sicherheit weg und dann bin ich in einem Zustand wo ich mir sage: "jetzt muss ich den Leuten etwas mehr zeigen". Das kann dann negativen Stress auslösen.


PV: Und wie gehen Sie damit um?

SV: Ich versuche jeweils, mir möglichst gut einzureden, dass sowieso kein Zuschauer es anlegt. Dass ich, wenn ich in der Höhe auf der Slackline laufe und einen Fehler mache, es sowieso 10 Mal besser kann als jeder Zuschauer. Dass es eigentlich ganz gut ist, wenn ich 20 Schritte gelaufen bin. Das hilft recht. Ist aber natürlich nicht in jedem Zustand möglich. Wenn ich mich unsicher fühle, dann ist es nicht einfach, in so eine Stimmung hineinzukommen. Aber meistens funktioniert es.


Ich habe mir gedacht, ich kann versuchen, diese Strategie in anderen Bereichen anzuwenden. Zum Beispiel in Bereichen, wo ich viel weniger gut bin, wie im Gitarre spielen und Singen. Nicht dass ich mir einrede, dass ich viel besser singen kann als die anderen. Aber, dass es schon mega mutig ist, vor Leuten etwas zu singen. Ich weiss genau, dass ich nicht besonders gut singen kann. Aber wenn nur 5 Leute es cool finden, dass ich mich getraut habe zu singen, dann ist es, von einem anderen Standpunkt, schon eine gewisse Leistung.


PV: Sie sind auch Jungunternehmer. Sie haben, mit einem Kollegen die Firma Slacktivity gegründet. Welche Parallele erkennen Sie zwischen Highline und Unternehmertum? Anders gefragt: wie hilft es Ihnen, als Unternehmer, dass Sie Slackliner sind?

SV: ich versuche mir als Slackliner das zu überlegen, was möglich ist. Wir haben ein Paar Projekte gemacht, welche alles gesprengt haben, was sich die Leute vorgestellt haben, was man machen kann. Wo wir plötzlich völlig neue Sachen entdeckt haben. Zum Beispiel eine über 50 Meter lange Slackline, die zudem aus einem schwierigen Material hergestellt wird. Wir haben es einfach als nicht realistisch angesehen. Wir haben aus der ganzen Welt riesen Feedback bekommen. Was sagt mir das? Ich kann ohne Wissen – ausser dem Wissen über die Sicherheit – ein Projekt auf die Beine stellen, welches als "unmöglich" abgestempelt wird. Es hat uns wenig Ressourcen gekostet, der zeitliche und finanzielle Aufwand hat sich im Rahmen gehalten. Ich habe mir gesagt: "Einfach probieren". Ich konnte immer völlig neue Effekte feststellen, die man sich nicht vorstellen konnte. Bei bisherigen Highlines hiess es: der Anfang und das Ende sind am schwierigsten, weil dorthin die Fehler zurückkommen, und je länger die Line, je extremer die Effekte. Bei der 500 Meter Highline: kein solcher Effekt vorhanden! Anfang und Ende waren super einfach, dafür die Mitte super schwierig! Plötzlich eine umgekehrte Welt! Was bedeutet das für Unternehmen? Man kann schon sagen "es wird nicht funktionieren". Es ist aber besser, mit 100 Franken und ein wenig Zeit einen Prototyp zu bauen und etwas selber auszuprobieren, anstatt zu glauben, dass es nicht geht.


PV: Auch wenn man weiss, dass die Highliner gesichert sind, wirken Stürze trotzdem sehr beeindruckend. Stürze gehören offensichtlich dazu. Erzählen Sie mehr zum Thema "Stürzen".

SV: Stürzen erzeugt immer einen Lernprozess. Es zeigt, dass man in der Ausgleichsbewegung Fehler begangen hat. Wenn man viel stürzt, zeigt dies, dass man eine Highline hat, die eine extreme Herausforderung darstellt. Je öfter man wieder aufsteht, desto mehr Feedback kriegt der Körper und desto grösser ist der Lernprozess. Es ist meiner Meinung nach falsch, eine Highline als zu schwierig zu bezeichnen, weil man beim ersten Mal durchlaufen über 100 Stürze hinlegt. Ich habe es bereits erlebt, dass ich bei einer neu aufgebauten Highline bei den ersten 10 Versuchen keinen einzigen Schritt geschafft habe. Am Ende des Tages gingen dann bereits bis zu 10 Schritte ohne Sturz und nach 3 Tagen Üben waren dann die besten Versuche um die 30m ohne Sturz. Dies zeigt, wie lernfähig der menschliche Körper ist.


Ich habe auch schon erlebt, dass Personen, die nach 10 Sekunden gestürzt sind und gesagt haben: "es ist nichts für mich", überzeugt werden konnten, es trotzdem weiter zu versuchen. Wenn ich sie zurückholen kann, Ihnen die ganze Sache noch einmal vereinfacht erkläre, sie für eine halbe Minute bei mir behalte, dann hat man nach einer halben Minute schon einen Unterschied gemerkt. Das erste Mal, wo man auf der Slackline lauft, fängt sie an, hin und her zu schwingen. Es ist ein Reflex, den man nicht kontrollieren kann. Das heisst, dass es sowieso besser wird, egal welche Einstellung man hat! Vorteil ist, dass wenn die Leute eine halbe Minute später selber merken, dass es besser wird, dann werden sie sich bewusst, dass es vielleicht mehr bringt, als sie sich vorgestellt haben. Darum ist es ein ausgezeichnetes Motivationsmittel, um Leute auf eine Sache aufmerksam zu machen, die sie später in anderen Bereichen anwenden können.


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